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Für mehr Freiluftkinos in Hinterhöfen!

Der eine oder andere wird es wissen, dass ich nicht so ein großer Fan des Kinos bin. Die Säale und die Sitzreihen sind nicht meine Welt. Es geht mir gegen den Strich in einem Saal ein paar Stunden, im schlimmsten Fall, der sich Thin Red Line (Der schmale Grad) nannte, zu sitzen und zu glotzen. Zwar sind die Sessel angenehm und auch Pop-Korn und Cola mag ich schon. Aber im großen und ganzen bin ich kein Mensch, der die Kinosäale dieser Republik stürmt. Seid froh! So habt ihr mehr Platz.

Ich mag es einfach mal aufzustehen und eine Zigarette zu rauchen. Das kann ich natürlich nicht in einem normalen Kino. Das könnte nämlich für eine gewisse Art von Protest bei einigen Besuchern des Kinos sorgen und im schlimmsten Fall löse ich dann noch die Sprinkleranlage aus. Dann haben wir denn Salat. Alles nass und ich muss noch für die Cineasten bezahlen…

Da bin doch immer sehr erfreut, wenn sich Gelegenheiten bieten, großartige Kinofilme oder gar Klassiker der Filmgeschichte in einem Open-Air bzw. Freiluftkino zu sehen. Ich schreie zwar nicht “Hurra” aber ich habe wohl Bock darauf, da mal hinzugehen. Das habe ich auch gemacht.

In Wilhelmsburg gab es bis zum Ende der 80er Jahre (glaube ich) ein richtiges Kino. Die “Rialto Lichtspiele”. Heute ist nur noch die einsturzgesicherte Fassade erhalten. Drinnen gibt es höchstens noch Mäuse- und Rattenkino.

 

Rialto Lichtspiele Wilhelmsburg

Rialto Lichtspiele in Hamburg Wilhelmsburg

Aber seid einigen Jahren, um genauer zu sein, seit 10 Jahren gibt es in Wilhelmsburg ein paar Kinofreunde, die auch an Menschen wie mich denken. Sie haben sich in einem Verein organisiert, der sich Insel Lichtspiele e.V. nennt. Hier werden Filme im Freien gezeigt. In den letzten Jahren war das Kino im Spreehafen und an vielen schönen Orten der Elbinsel unterwegs, so dass der Besucher nicht nur eine super Film bekam, sondern auch einen Aufführungsort, der nicht alltäglich ist. Fast so wie der “Jederman”, der in der Speicherstadt oder in Salzburg aufgeführt wird. Die Filme und die Leinwand an einem Ort, der vielleicht sogar einmal im Mittelpunkt der Handlung des Filmes stand. Grandios.

2011 finden die Insellichtspiele in Wilhelmsburg beim FC Porto statt. Richtig geraten, es ist auf dem Gelände eines portugiesischen Fußballvereines auf der Elbinsel. Das bedeutet: Das Kino ist um die Ecke und die Aufführung findet im Freien statt. Auch bei schlechtem Wetter oder vielmehr auch bei Regen. Den gab es. Jedoch war er nicht so schlimm, als dass der Kinogenuss abgesoffen wäre.

Die Insellichtspiele in Wilhelmsburg

Die Insellichtspiele in Wilhelmsburg

Wie man auf dem Foto so grade erkennen kann, werden die Filme aus dem Anhänger gezeigt. Ein Hauch von Pioneertum in Sachen mobiles Kino machte sich so breit. Am besten war an diesem Auftaktabend sicherlich, dass der Filmmusiker  und Diplom Chemiker Werner Loll mittels eines elektrischen Klaviers die Musikbegleitung übernommen hat. Der erste Abend am Donnerstag den 18. August 2011 stand ganz im Zeichen von Stummfilmklassikern. Die zeichneten sich dadurch aus, dass sie kurz war, aber auf keinen Fall kurzweilig. Die großen Stars jener Zeit: Charlie Chaplin und Buster Keaton waren zu sehen. Aber auch japanische Filme mit einem ersten Hauch von Farbe in den Filmen. Nachkoloriert wahrscheinlich. An diesem ersten Abend haben wir bei preiswertem Bier und Pommes unter anderem die Filme “Der Einwander” und “Out West” gesehen. Faszinierend ist ohne Zweifel, dass die “Filmmusik” von Werner Loll eine Interpretation von ihm war. Oftmals sind die originalen Partituren verloren gegangen. Ebenfalls neu für mich war, dass die Filme eigentlich nur mit 16 Bildern pro Minute gemacht worden sind. Schließlich musste in der Anfangszeit des Kino des Filmvorführer noch ordentlich kurbeln, damit die Bilder laufen lernen. Heute werden die Filme mittels Maschine abgespielt und so kommt es zu den witzigen Szenen mit Slapstick Charakter, weil das Laufen der Protangonisten schnell clownesk wirkt.

Werner Loll bei den Wilhelmsburger Insellichtspielen 2011

Werner Loll bei den Wilhelmsburger Insellichtspielen 2011

Am Freitag stand dann ein unvergesslicher Klassiker und vielleicht auch einer der allergrößte Filme der Welt auf dem Programm. “Panzerkreuzer Potemkin” auf dem Spielplan. Es wurde wieder ein spannender Abend bei Zigaretten, Bier und Rotwein im Freien. Der Film – auch wieder exzellent begleitet von Werner Loll, ist sehr sehenswert. Der Aufstand der Matrosen des Panzerkreuzers gegen die “Mächtigen” oder vielmehr die Führungselite auf dem Mikrokosmos Panzerkreuzer war schon sehr stellvertretend für Rebellion und Aufstände im zaritischen Russland. Der Film selbst hat viele, viele Kontroversen ausgelöst. Propagandha Film oder nicht. Mir ist es egal. Eine Schlüsselszene ist für meinen Geschmack als der Schiffsarzt sich das mit Maden durchsetzte Fleisch für die Matrosen anssieht und sagt, dass es keine Maden wären, sondern nur ein wenig Dreck oder so. Von Filmschnitt und so habe ich leider zu wenig Ahnung, sodass ich nicht beurteilen kann, wie wichtig dieser Film für die Entwicklung des Genres war. Aber es war sehenswert und das reicht mir völlig.

Wer möchte kann noch bis zum 28. August auf die Elbinsel nach Wilhelmsburg kommen und jeden Abend ab 21.30 Uhr im Freien bei kühlen Getränken weitere spannende Filme sehen. Eine Übersicht gibt es an dieser Stelle.

10 Songs für Wilhelmsburg und die Veddel

Wenn man auf der Elbinsel wohnt, da lernt man schon so einiges. Es gibt vor allem viel zu entdecken. Gerade in solchen Bezirken. Immer gut ist natürlich, wenn der Spazierende durch und über die Elbinsel ein paar gute Songs dabei hat.

  • I’m your Pusher von ICE – T.
  • F**k da Police – NWA
  • Message in a Bottle – The Police
  • Hamburger Veermaster in der Variante von Hannes Wader
  • Break on through – The Doors
  • Wir sind viele – Tocotronic
  • Aber anderseits – Die Sterne
  • Rome wasn’t built on a day – The Jeremy Day
  • Theme form Bob the Builder (Bob der Baumeister) “Ja! Wir schaffen das!”
  • In einer Sternennacht am Hafen von Hans Albers

 

Im Kommen: In-Viertel

Trends kommen – Trends gehen. Wie Jahreszeiten oder Freundschaften. Vorbei. Vorhang auf für Neues. Während viele, viele Menschen in Hamburg denken, dass der Sprung über die Elbe in Richtung Süden in nächsten Jahren gelingen wird. Schließlich möchte die Stadt sich schön zeigen, wenn die Internationale Bauausstellung im Jahr 2013 die Augen der Öffentlichkeit auf Hamburg richtet. Ausgesucht haben sich die Planer Wilhelmsburg – Ein Viertel bei dem vor ein paar Jahren noch die Polizeistation von randalierenden Jugendlichen auseinandergenommen wurde. Dieses Problemviertel soll aufgehübscht werden. Renovieren und das volle Programm, der teilweise nicht mehr vorhandenen Wohnungsbauförderung. Schön wetzen die Immobilien Menschen aus Hamburg und Deutschland die Messer, um sich die Filetstücke zu sichern und in Eigentumswohnungen zu verwandeln. Natürlich werden die Mieten dann steigen, es werden Trendmenschen in das Trendviertel ziehen und ausziehen werden all diejenigen, denen das Amt die Miete nicht mehr zahlt. Billstedt freut sich schon. Sowas funktioniert immer und natürlich reibungslos. Schanze lässt grüßen. Doch einiges wird wohl auf der Strecke bleiben. Wie die “Rialto Lichtspiele”, die schon jetzt nur noch eine Erinnerungen an ehemalige Bewohner des Reiherstiegviertels in Wilhelmsburg sind. Die Tore geschlossen, die Fenster und Türen verriegelt. Der Vorhang für Immer gefallen.

Rialto Lichtspiele in Hamburg Wilhelmsburg