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Guntah in der abgelegten Heimat Part II

Regen. Regen. Der kleine feine Nieselregen. Er dringt in dich ein – keine Pore ist sicher vor ihm. Meine Brille ist beschlagen durch ihn als ich Lingen erreiche. Die Stadt, in deren Verlaufe sich alle möglichen Könige und Fürsten darum stritten, die kleine Stadt an der Ems zu besitzen. Heute dient diese Tradition zur Rechtfertigung von Besäufnissen. Am Bahnhofsvorplatz wird gebaut, wie überall in der Stadt. Die Architektur lebt von der selben Beliebigkeit wie Einkaufszentren, die zu Duzenden in der Republik stehen. Ein Unterführung in der Nähe des Bahnhofes trägt den Namen eines bekannten deutschen Schauspieler. Obwohl dieser nie in der Stadt gelebt hat. Seine Eltern stammen von dort. Genau wie der Otto-Normal-Bürger von ihm nur die Witzfiguren kennt, weiß kaum jemand, dass er ein wirklicher Schauspieler war und nicht nur ein Darsteller einer Figur aus der unheiligen Allianz zwischen Werber-Awareness und Hochglanz-Ilustrierten Leserdenke. Egal. Ich rauche während ich auf meinem Bruder wartet. Ein paar Autos fahren vorbei. Ich erinnere mich an ein Kino – längst abgerissen. Wie so vieles hier. Der Fortschritt frisst die Geschichte mit Baggerschaufeln.

Meine Zigarette brennt als ich meinen Bruder treffe. Sein Auto parkt um die Ecke. Wenig Menschen um 22 Uhr abends zu sehen. Es ist ja schießlich Freitag. Ein kurze Umarmung. Ein Blick in die Augen. Sein Bauch ist ein wenig größer als meiner. Dafür ist meine Brillenstärke höher. Er gewinnt bei der Fußgröße und der Breite seines Kreuzes.

Wir fahren durch die Stadt in die Straße in denen ich meine ersten Alkoholexzesse auskurierte, in dene ich meine ersten Freundinnen liebte, in das Haus, im dem ich mit dem Sven C64 spielte und nie Hausaufgaben machte. In das Haus in der Straße, die nach einem Maler genannt ist. Bunt war das Treiben bei uns zu Hause. In manchen Zeiten eine Volksuniversität für Diplom Zyniker. In anderen ein trauriges Haus, dessen Tränen Fischteiche füllten.

Der Garten sieht anders aus als zu der Zeit als ich dort noch lebte und meine Eltern beim Sterben zusah.

Die Freundin meines Bruder öffnet die Tür. Sein Sohn ist nicht mehr wach. Ich werde begrüßt von Katzen.

Guntah Katze Lingen

Guntah Katze Lingen

Katzen sind spannende Wesen. Freundlich, warmherzig, kuschelig, kratzbürstig. Mal so oder mal so. Es gibt Phasen, in denen ich fest daran glaube, das Katzen der göttliche Versuch sind, um zu testen, ob solche Wesen existieren können, um im Anschluss daran Frauen zu erschaffen, die vielfach die gleichen Eigenschaften besitzen.

Wir trinken Bier und reden. Viel. Er hat sich einen neuen Fernseher gekauft. Einen dieser großen. Einen auf denen das Bild auch noch aus 50 Meter Entfernung zu erkennen ist. Ein schönes Gerät. Spielzeug liegt rum. Wir rauchen. Er ist mir immer eine Zigarrette vorraus. Ich gebe mir Mühe mitzuhalten. Morgen ist Einschulung. In meiner alten Schule, in der auch ich die ersten vier Jahre verbachte. Gleich neben dem Friedhof, wo meine Eltern begraben sind.

Ich schafe ganz ruhig. Die Kleinstadt hat keine Lautstärke. Laut ist die Großstadt. Hier rauschen die Bäume und selbst die Mücken sind hier kleiner und nicht so gemein. Ich höre zum Einschlafen ein Hörspiel im Radio. Freitagabend in der Provinz. Zum Rausgehen habe ich keine Lust. Warum auch. Mein Lebensentwurf und der von vielen die ich noch kenne und hier wohnen sind wie Parallelen. Sie treffen sich in der Unendlichkeit. Zumindest in der Theorie.

Der Junge weckt mich. Die Katzen auch. Ich dusche. Trinke Kaffee. Esse Brötchen. Wir rauchen. Wir fahren zur Kirche. Hier geht nichts ohne die Kriche. Eine andere Kirche wie in meiner neuen Heimat. Dort lebt sie vom Mangel. Hier vom Überfluss. Der Pastor ist nett. Ein Rheinländer mit einem ebensolchen Gemüt. Er macht Witze. Ich denke an Willy Millowitsch. Das I-Männchen will vorne in der Kirche sitzen. Der Platz der Pharisäer. Das kennt er nicht. Mir ist das Platznehmen auf dem Präsentierteller unangenehm.

Die Einschulungsmesse ist lustig. Es wird gesungen und gelacht und verabschiedet. Draußen rauchen wir und gehen zur Schule. Meine alte Schule. Meine Erinnerung an den Pausenraum ist größer als die Wirklichkeit. Ich mache Photos von den Kindern, die erneut singen. Die Einschulung hat die Provinz erreicht. Der Beleg dafür ist der Aufruf der Kinder, deren Nachnamen auf eine weite Reise der Eltern deuten.

Im Anschluss gehen wir essen. Beim Griechen. Ganze Schweine landen auf meinem Teller. Ich brauchen den ganze Tag nichts mehr zu essen.

Der letzte Guntah Dortmund Rest

Ja. Ich bin es noch schuldig geblieben. Den letzten Teil meiner Reise nach Dortmund. Aber in der Zwischenzeit musste ich einfach dies organisieren und durchführen. Das hat Zeit gekostet. Und deshalb diese Sendepause.

Nach dem wir nun endlich den Einweggrill in der Plastik-Taschen hatten, ging es zur Wohnung vom Sven zurück. Zig Stufen raus und oben – nach einer längeren Verschnaufpause – wurde das nächste Bierchen geköppt. Ich hatte die ganze Zeit das Lied von Frank Baier “Über unseren Kohlenpott” auf den Lippen. Der Sven kannte es nicht. Ist aber witzig, ehrlich. Dann stand es an in den “Hafen” von Dortmund zu gehen, weil Dr. Ahly und ich gerne erleben wollten wie Werder Bremen eins auf den Sack bekommt. Naja. Ist dann ja nichts geworden. Allerdings war die Strandbar, direkt am “Hafen” von Dortmund gelegen ganz passabel für das Ruhrgebiet. Für uns Jungs auf Hamburg natürlich nur ein Witz! Aber ein charmanter.

Philipp glotzt in Dortmund Fußball Guntah

Philipp glotzt in Dortmund Fußball Guntah

Dortmund Hafen Guntah

Dortmund Hafen Guntah

Dann wurde es nichts mit dem Sieg gegen unseren Erzfeind aus der Pupi-Stadt Bremen und wir weinten gemeinsam in unser Bierglas. Bis auf Dr. Ahly, der in seine Cola. Wir tranken dann noch ein paar Bierchen mehr. Redeten über Fußball im Besonderen und Sport im Allgemeinen. Schließlich beschlossen wir noch eine Runde zu drehen und gingen in eine 70er Jahre Retro/Lounge/-Bar. Die war auch ganz kuschelig. Allerdings gab es trotz der Beteuerung von Sven dort kein Abendprogramm mit einem Schallplattenalleinunterhalter. Schade. Da ich dann schon mal ordentliche Kopfschmerzen bekam, sind wir nach Hause und ich habe Dr. Ahly mal richtig einen Vorgeschnarcht!

Sven Bar Dortmund 70er Jahre

Sven Bar Dortmund 70er Jahre

GunTah goes Dortmund

Ich fahre mal an Pfingsten nach Dortmund. Mal sehen was da so abgeht. Als Hamburger hoffe ich mal, dass die Ruhrpott Biene Majas mich mit offen Armen empfangen. Ich schau mal, ob ich einen kleinen Reisebericht an den Start bekommen. Vielleicht gewinnt ja Leverkusen das Pokalendspiel und wir fahren in die Stadt des Chemiemultis um zu schauen, ob man dort feiern kann.

“Lost in Leverkusen” nennen ich den Abschnitt. Be prepared!