Da, wo ich aufgewachsen bin, wird das konservative Denken zelebriert. Da sind die Menschen verheiratet, wenn manche auch nur auf dem Papier. Da ist die Welt in Ordnung, wenn auch nur nach Außen und für die Nachbarn und Arbeitskollegen ersichtlich. Das ist aber meiner Meinung nach nicht konservativ. Mich hat es schon immer gestört, wenn der Pfarrer am Ende der Messe seinen Schäfchen empfohlen hat, dass es doch besser wäre eine Partei mit einem “C” und nicht eine mit einem “S” zu wählen. Eine Partei, die “Grün” ist, war schon komplett von seinem geistigen und geistlichen Horizont entfernt. Konservativ wurde in dieser Gegend so interpretiert, dass der Bestand bewahrt werden musste. Es war und ist ein heiliger Gral, dem nachgesetzt wird, der aber einfach nicht da ist. Eine Illusion oder eine Fabel. Etwas, was vielleicht erstrebenswert ist, was aber gerade der Mensch niemals erreichen wird. Deswegen ist diese Art von Konservatismus auch für mich eine Hülle ohne jeden Inhalt. Und eine Hülle, die keinen Inhalt hat, ist leer. Es gabe Sachen dort, die gut waren und vor allem “bewahrenswert”. Ein Zusammenhalt, der meist weit über das reichte, was trockene Gesetzestexte zulassen würden, wenn dass der Maßstab gewesen wäre. Es wurde eine Decke über alles gespannt, was passiert, aber nicht sein darf. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Menschen, die sich scheiden ließen, durften nicht mehr in der Kirche die Kommunion empfangen. Kannte sie aber der Priester, war diese “abgefallene” Schäfchen jemand, der trotzdem am Sonntag mit mir und anderen in einer Reihe stand und die Kommunion empfang. Auch hier galt die Maxime des Praktischen – fast schon als Diktat.

Schepsdorf Lingen Emsbruecke
Es wurden Menschen in den Kreis der Familie aufgenommen, die weder blutsverwandt noch angeheiratet waren. Es gibt spannende Geschichte von KZ Gefangenen, die später Onkel oder Tante waren, ohne dass es darüber auch irgendeine Diskussion gab. Es gab und sicherlich gibt es diejenigen noch, die wuchsen bei ihre Tanten und Onkels auf und zwar immer in dem Glauben, dass das Mama und Papa sind. Da brauchte es keine Behörde, die irgendwelche Adoptionen regelte oder sonstwas machte. Ich finde das nicht verkehrt. Das ist für mich was “Gutes” am Konservatismus. Ein Kind eine Heimat geben. Eine Familie oder zumindest ein Familienverbund. Aber ist es noch die Familie, die der medienpropagierte Konservatismus als Familie bezeichnet. Ist dieser Begriff nicht inzwischen durchwässert wie eine Deichanlage? Oder wie die Parteien, die sich als konservativ bezeichnen. Familie, dass sind Menschen, die um mich herum sind, die da sind, wenn “Die Nacht am tiefsten ist”, um die Ton, Steine, Scherben an dieser Stelle ins Spiel zu bringen. Das ist meine Familie und ich denke, dass ich mit diesen Gedanken nicht alleine bin. Das Konservative in uns allen, dass ist der Wunsch nach etwas Heimat. Ganz egal, wo diese ist. Es ist eine Heimat, die sich nicht in erster Linie vom Geburtstort herleitet, sondern von dem, was Heimat für einen persönlich bedeutet. Natürlich kann es sein, dass da die Heimat als der Ort gilt, an dem man geboren worden ist. Doch sind ein paar Stunden Geburt gleich ein Maßstab für ein ganzes Leben. Kann es nicht mehrere Heimaten geben. Ist nicht jeder von uns ein Migrant auf seine persönliche Art und Weise. “Nehmen Sie die Menschen wie sie sind. Andere gibt es nicht.”, das sagte mal jemand, der, so meine ich über jeden Zweifel erhaben ist, nicht konservativ zu sein. Und so ist es doch. Die normative Kraft des Faktischen zwingt uns doch in der heutigen Zeit eine Neubewertung des Begriffes “Konservativ” vorzunehmen oder gar eine Rückbesinnung auf Einstellungen, die tief vergraben in unserer gesellschaftlichen Tradition darauf warten, gehoben zu werden. Natürlich ist es an dieser Stelle ein fatale Irrweg in alte Denkschemen zurückzufallen, die sich in ganz schlimmen Fällen zu einer menschenverachtenden Vernichtungsmaschine entwickelt haben. Überdenken wir doch einfach mal unsere Weg – auch das ist konservativ. Ja, genau konservativ. Das Denken bewahren und nicht abzugeben an irgendwen oder irgendwas? Mit Sicherheit ist der institualisierte Konservatismus in unserem Staatssytem ein Hemmschuh. Aber das bedeutet doch keinesfalls, dass der Staat und die Demokratie Unsinn sind. Erinnert man sich, wer die Demokratie ins Spiel gebracht hat, so haben diese Gedanken schon ein paar tausend Jahre auf der Uhr. Und damit auch etwas was es lohnt, bewahrt zu werden. Ich weiß nicht, ob der Kapitalismus bewahrenswert ist. Ob der Kapitalismus mit seiner Idee des “Gier frisst Hirn” der Maßstab für eine Gesellschaft sein sollte. Ich denke: Nein. Und wie wir sehen, kommt es immer wieder soweit, dass das was wir als Kapitalismus verkauft bekommen, uns an den Rande von Kriegen und anderen unschönen Dingen bringt. Wir sollten uns also wieder auf das besinnen, was es sich lohnt zu bewahren. Der gesunde Menschenverstand, der genau weiß, dass es am besten ist, wenn jeder ein Stück vom Kuchen bekommt, um sich und seine Familie, wie immer er sie definieren möchte, durchzubringen.