Guntah in der abgelegten Heimat – Part I

Dienstag, August 11, 2009

“Reisen in den Süden sind immer Reisen in die Vergangenheit.” Wie wahr dieser Satz aus der Feder von Max Frisch ist, hat sich letztes Wochenende bei meiner Reise nach Lingen (Ems), meiner abgelegten Heimatstadt, gezeigt. Da ich “ausm” Emsland komme und nach Hamburg gezogen bin, ist eine Reise dorthin natürlich eine Reise in den Süden und damit in die Vergangenheit und gerade meine lingener Vergangenheit hat allen Grund gegeben dort wegzugehen. Da das Emsland vom verkehrstechnischen Angebundensein immer noch irgendwo in den 70er Jahren rumeiert, dauert die Fahrt mit dem Niedersachsen Ticket für Singles und Alleinreisende locker, flockige 5 Stunden. Das ist super und für Menschen, die gerne Zug fahren eine ideale Möglichkeit viele grüne Bäume, Felder und Wiesen zu sehen.

Meine Fahrt ging in Hamburg am HBF los und sollte in erster, und leider nicht direkter Linie, nach Bremen gehen. Auf geht es also. Da ich durch tagtägliches Reisen in Nahverkehrszügen bzw. S-Bahnen an Schweiß, Gestank und Flitzpiepen gewöhnt bin, machte es mir nichts aus in den vollbesetzten Zug zu steigen. Tuff Tuff Tuff und schon war ich auf dem Weg nach Lingen.

Guntah Zugfahrt Lingen

Guntah Zugfahrt Lingen

Die erste erwähneswerte Stadt war Bremen. Dort hatte ich eine Wartezeit, die ich dafür nutze beim Chinamann etwas mit Reis, Hühnerfleisch und Gemüse zu kaufen. Außerdem war noch Geld für zwei Bier in der Spesenkasse. Als ich dann meinen Bahnsteig für den Zug nach Osnabrück gefunden hatte, fielen mir zwei Dinge auf. Zu einem ist der Bahnhof Bremen eine nette Baustelle und für einen kurzen Moment glaubte ich die Typen von den Village People zu erkennen, die auf einem anderen Bahnsteig ein neues Video drehen. Außerdem scheint die Haupteinnahmequelle von Harzt IV-Empfängern, Flaschenpfandsammeln, in Bremen am Bahnhof nicht praktiziert zu werden. Wie erklärt man sich sonst dieses Bild:

Guntah Bremen HBF Flaschenpfand

Guntah Bremen HBF Flaschenpfand

Kann natürlich auch sein, dass der Wachschutz im Bahnhof jeden und alles abfängt, der nach Flaschenpfandsammler aussieht. Nun denn es ging irgendwann weiter in Richtigung Osnabrück. Ja. Warum auch nicht. Schließlich liegt Osnabrück auch südlicher als Lingen. Tststst. Deutsche Bahn.

Eine Gedanken zur Fahrt aus meinem Notizbuch dazu:

Die Kennzeichen der Provinz sind einig und allein die unterschiedlichen Städte-, Dorf- und Gemeindename. Ansonsten ist es überall gleich. Die Summe aller Provinzialität ergibt sich aus Schützenfesten, Dorfdissen, schlechten Schnakkern und Einfamilienhäusern, die sich im Regelfall bei Schwiegereltern im Garten befinden.

Ich trank also mein Bier. Schaute aus dem Fenster. Fühlte mich merkwürdig. Gedankenverloren auf den Weg gebracht. Wenn ich mir nicht Gedanken wie jene oben machte, las ich ein gutes Buch. Harry Mulisch “Das Attentat”. Das kann ich empfehlen, die Reise nicht. Als ich dann ich Osnabrück war, musste ich feststellen, dass sowohl meine Zigaretten alle waren als auch mein Bier. Der super preiswerte Imbiss im Osnabrücker Bahnhof empfahl mir ein Bierchen für den schlappen Preis von zwei Euro. Eines habe ich dann dort gekauft und ein zweites unten am Bahnsteig. Dort kostet der halbe Liter in der Dose 1,80 Euro. Folglich rate ich dir Reisender: Kaufe dein Bier am Bahnsteig in Osnabrück. Von dort ging die Reise weiter nach Rheine. Ein malerisches Städtchen in NRW. Wie ungefähr 1.000.000 andere Städchen in Deutschland. Nachdem ich ein wenig weiter den Roman von Mulisch gelesen hatte, machte ich mir folgende Gedanken:

Lebensentwürfe wie Reihenhaussiedlungen. Gegend wie aus “Per Anhalter durch die Galaxis”. Preise werden dafür nicht vergeben. Realitäten, die ihre Entsprechung in Filmen wie “Fear Loathing Las Vegas” finden, allerdings ohne Ausbruchsversuche. Nur Abstoßungsreaktionen von Menschen, die den sanduhrgesteuerten Lebensentwurf nicht mehr ertragen können.

Überraschender Weise kam ich dann in Rheine an und wartet dort auf den Anschlusszug nach Lingen. Der auch irgendwann einfuhr. Kurz über Salzbergen und Leschede führte der Weg nach Lingen. Vorbei am Atomkraftwerk und hinein in den Bahnhof Lingen Gleis 1. Es regnete.

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